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Ringsgwandl

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17 Jahre 5 Monate her #17841 von karla
Ringsgwandl wurde erstellt von karla
Neulich war ich auf einem Konzert von Ringsgwandl und war mal wieder hin und weg. Besonders sein neuer Song 'Reiss die Hüttn ein!' hat mir sehr gut gefallen. Leider sind viele seiner CD's vergriffen.


Ringsgwandl?


Ringsgwandl? Eigentlich ein origineller Künstlername, möchte man meinen. Aber nein, die Familie Ringsgwandl ist im Raum Bad Reichenhall alteingesessen, sozusagen urbayerisches Gestein. Und wenn sich Georg Ringsgwandl, Jahrgang 1948, selbst als „soziologischen Komposthaufen“ mit „einem Gehirn als Sondermülldeponie für alle möglichen Ideen“ bezeichnet, dann scheint ihm dieses Etwas an Schrägheit fast in die Wiege gelegt worden zu sein. Schon sein Vater Franz RingsgwandlXaver ließ sich trotz eines überdimensionalen Beschäftigungsradius als Tapezierer, Polsterer, arbeitslos, Soldat, Schwerkriegsbeschädigter, Häuslbauer und Postbote niemals vom Bergsteigen und der Malerei abbringen.

Dabei ersteigt Georg Ringsgwandl die Sprossen seiner Karrierelaufbahn anfänglich eigentlich recht konventionell. Für einen angestrebten Klavierunterricht gibt es zuhause kein Geld, statt dessen präsentiert eine Tante dem achtjährigen Georg eine Zither. Fünf Jahre Unterricht auf diesem Instrument reichen für Soloauftritte auf diversen Kaffeekränzchen und Heimatabenden aus. Ein Lehrer seines Gymnasiums entpuppt sich zur Überraschung der Schüler als Jazzfreak, und um in der neugegründeten New-Orleans-Dixie-Band mitwirken zu können, erlernt Ringsgwandl, nun bereits 14jährig, das Posaunespielen, denn genau dieses Instrument wird noch gebraucht. Parallel dazu mischt er als Vokalist in einer der damals allerorts hochsprießenden Beatbands mit. Bis er mit 18 Jahren an Tuberkolose erkrankt, was einen einjährigen Aufenthalt in einem Sanatorium in Berchtesgaden notwendig macht.

Aus gesundheitlichen Gründen muss die Posaune zur Seite gelegt werden, die Lunge macht einfach nicht mehr mit. Ringsgwandl greift stattdessen zur Gitarre. In jener Zeit, ca. 1966-67, beginnt Ringsgwandl auch mit dem Schreiben von eigenen Liedern. Vor allem Bob Dylan und die Beatles dienen dabei als seine geistig-musikalischen Vorbilder, wenngleich die Texte durchaus hochdeutsch oder im bayerischen Dialekt sind. Es folgen mehrere Auftritte auf den trendsettigen Folkfestivals der ausgehenden 60er Jahre ganz in Anlehnung an weitere Vorbilder wie Pete Seeger oder Arlo Guthrie. Trotz dieses künstlerischen Strebens stellt sich jedoch für Ringsgwandl, der seine Lieder einfach irgendwie „ausprobieren“ will, wenig Erfolg ein, denn „des hot koan Typn damois intressiert“. Resultate aus dieser frühen kreativen Periode sind übrigens auf dem 1993 erschienenen Album „Staffabruck“ nachzuvollziehen.

Nach dem Besuch des Gymnasiums möchte Ringsgwandl „etwas von der Welt sehen“, so geht er erst zweieinhalb Jahre nach Würzburg, dann nach Kiel, möglichst weit weg von Zuhause, und widmet sich dem Studium der Medizin, das er schließlich als Internist und Kardiologe abschließt. Einen Aufenthalt in Berlin 1975-76 als Assistenzarzt benutzt Ringsgwandler neben seiner hauptberuflichen Beschäftigung als Mediziner zum „Proben mit verschiedenen Musikern“. Ein erster Plattenvertrag der „Ringsgwandlband“ bei Elektrola, eine der damals führenden Schallplattenfirmen, führt schließlich zu einer Single; 200 Rezensionsexemplare, immerhin 300 verkaufte Platten und 500 weitere Werbeexemplare machen jedoch ein Einstampfen dieses ersten konkreten Plattenprojektes notwendig. Übrig bleiben ein Schuldenberg von 30.000 Mark und die Erkenntnis, dass sich Geld vielleicht besser als Arzt verdienen ließe.

So kommt Georg Ringsgwandl alias Dr. Ringsgwandl nach München, zuerst in eine Forschungsabteilung der Pharmakologie, dann als Facharzt an die Universitätsklinik in Großhadern. Bis zu 15-stündige Arbeitstage („des Kranknhaus war hoit a echta Schindaladn“) geben ihm in den kommenden sechs Jahren wenig Zeit für die künstlerische Betätigung, vielleicht zwei bis drei neue Lieder im Jahr oder einen etwa halbstündigen Auftritt im Monat in einer Münchener Kleinkunstbühne wie z.B. im „Muh“ oder im „Robinson“. Wenngleich seine Lieder nun beim selektiven Publikum relativ gut ankommen, nimmt er Ende 1984 eine Stelle als Chefarzt im Garmischer Krankenhaus an. Mittlerweile ist man ja verheiratet, seit 1983. Seine Frau Christiane ist ebenfalls Ärztin, außerdem sei die Tochter Lena finanziell abzusichern.

Der dreifache Vater und 17-jährige Ehemann hat sich inzwischen einen Namen gemacht als Künstler, Kabarettist und Volkssänger, der in seinen Liedern "die Gesellschaft verarbeitet wie die Sau in der Wurst." Bissig, ironisch, sarkastisch sind seine Texte über die Probleme des einfachen Mannes, die Welt scheint schlecht, Ekel & Abschaum. Im Mittelalter wäre er als Ketzer wohl auf dem Scheiterhaufen gelandet, heute darf er ungestraft den Grand Prix als "moderne Grausamkeit" und Pendant zur "öffentlichen Hinrichtung" bezeichnen.

Mittlerweile sind sieben Platten von Ringsgwandl erschienen, die letzte - "Grache Wurzn" - im März 2001. Er gehört jedoch eher zu den Musikern, die ihr Publikum live ansprechen. Seine Auftritte sind immer mit Kabarettnummern gespickt, er macht eine Gaudi auf der Bühne, wirft sich in abgedrehte Kostüme und propagiert bayrische Mundart im deutschsprachigen Raum.

Ringsgwandl ist ein feiner Beobachter gesellschaftlicher Abgründe, er stellt die Alltäglichkeit des Lebens bloß und spricht aus, wofür sich der Rest zu schade ist: "Ich bin ein gesamtgesellschaftliches Seismometer und meine Nadel schreibt die Songs. Mein Hirn ist ein Radiowellenempfänger und mein Maul der Lautsprecher, der die empfangenen Strahlen in Geschichten verwandelt." Nur Prediger will er nicht sein. Wenn er auch bitterböse Momentaufnahmen macht, das Schöne am Leben sei, "dass es so dahinwackelt". Lieber ein einfacher UPS-Fahrer, der sich darüber freut, sein Paket rechtzeitig abzuliefern, als die schöne heile und vor allem langweilige Welt der Verona Feldbuschs: "Das wär nicht auszuhalten."

So sieht sich Ringsgwandl als "Multidilettant", der "mehr oder weniger grausam singt" und seine Lieder davor bewahrt, Truckerhits zu werden, indem er "textliche Notbremsen" einbaut. Erstaunlich nur, dass die Gesellschaft so einen verträgt, wenn sie so ist, wie Ringsgwandl sie sieht.


www.georg-jahn.de/RINGSGWA/munz0498.htm
www.ringsgwandl.de



Ringsgwandl: Das Letzte (1986) zur Zeit vergriffen




Ringsgwandl Gache Wurzn
Preis der Deutschen Schallplattenkritik - Bestenliste 2/2001


German Roots-Rock – Bavarian Hillbilly in the boots of Dylan & Achternbusch – zynisch, bayrisch, ironisch, komisch, kryptisch

Ringsgwandl? Der telegene Kauz mit dem Sprachfehler? Quatsch. Chuck Berrys "C´est la vie" als eingedeutschter Opener stellt klar: That´s Rock´n´Roll. Und das Kauderwelsch ist Bayerisch. Komma nix moachn. Warum auch? Wertkonservativ und rustikal, wie man´s in Bayern nunmal mag, pflegt man dort auch den akustischen Schrammelrock alter Schule. Und zwar so beseelt, wie vielleicht nichtmal in Hamburg, London, Tennessee. Flinke Finger swingen durch den wunderbar runden, funkelnden Gitarren-Sound uramerikanischer Prägung. Elektrischer Singer-Songwriter-Rock für lange Fahrten nachts auf der Autobahn. Mal rootsy, mal folky, mal bluesig und meistens mit fließenden Melodien. Bei Ringsgwandl (Tak: Bass; Skip: Drums; Georg Ringsgwandl: Gesang und Gitarre, Nick Woodland: Gitarre) kreuzen sich Stephane Grappelli und Neil Young. Und Young singt hier Dylan-Schärfe und Haindling-Idiom.

So nebenbei reflektiert Ringsgwandl dabei mit gewohntem Lakonismus den ganz normalen Wahnsinn im bundesdeutschen Alltag, liefert die Geschichten hinter den Unfallmeldungen in der Tagesschau, deckt mit diebischer Freude das Grauen hinter den weißen Gardinen auf. Ringsgwandl eben. Kein Kuriosum, sondern die letzte Rock´n´Roll-Bastion vor der Grenze. Tief im Süden.

Als "wohl schrägster Entertainer der bayrischen Kabarettszene" wurde Georg Ringsgwandl bereits mehrfach bezeichnet. Sein Album "Gache Wurzn" wird diesem Ruf zwar auch gerecht, viel mehr noch aber geht es hier um in Musik gepackte Alltagsgeschichten, gesungen und gespielt von Ringsgwandl und seinem Quartett.

Abgesehen vom szenisch relokalisierten und mit neuem deutschen Text versehenen Chuck Berry-Klassiker "You never can tell", ist der Hörer ausnahmslos den beunruhigenden ringsgwandelschen Texten und Songs ausgeliefert. Es geht immer mitten rein ins Leben; Ironie und Witz versüssen die thematisch traurigen Erlebnis-Songs von Georg Ringsgwandl. Und immer geht es in der ein oder anderen Form um den "ganz normalen Wahnsinn".

Trotzdem, wie sollte es anders sein, die Musik macht Spaß. Die musikalisch einfach gehaltenen – inhaltlich dennoch nicht zu unterschätzenden! – Songs laden durchaus auch zum Mitsummen oder gar Singen ein. Für letzteres ist die Beherrschung der bayrischen Mundart allerdings erforderlich – schwierige Passagen werden im Booklet für den Nicht-Bayern ins Hochdeutsche übersetzt. Weiter so!

Eine Art Poesie der Globalisierungsverlierer, Big Brother die Stirn bieten, sich einen eigenen Reim machen auf unsere Zeit. Gschlamperte Musik von verkommenen Musikern. Saubere Songs von zweifelhaften Charakteren. Wo gibt‘s wen, der die Langeweile vertreibt ohne deppert zu sein? Kein Modeaff und keine Körnerzuchtl. Der gesunde Menschenverstand blickt unerschrocken in die Fußgängerzone, das in etwa ist die Gache Wurzn.



Trulla! Trulla! (1989) [in besserer Qualität]



Inhalt:
Wuide unterwegs
Heavy Metal Landler
Straßenköter
Cafe'
Nix mitnehma
Der Placido Domingo
Disco
Gaggerlfidel
Mir baun
Aids net kriagn
Luxusschnoin


Ringsgwandl: Staffabruck


Der schrille Pop-Clown Dr. Georg Ringsgwandl, im Nebenberuf Kardiologe am Kreiskrankenhaus Garmisch, läßt die Maske fallen: Staffabruck ist der Ort seiner Kindheit, den der Barde in elf ergreifenden Song-Kapiteln skizziert. Da gibt es die traurige Geschichte vom Schwarzen Mann auf dem Wohnzimmersofa, die melancholische Lebensbeichte an die liebe Inge und den ewigen Traum vom Glück im Mercedes. Geschrieben zwischen 1974 und 1986, ist Staffabruck das nur mit der Gitarre verzierte Biographiebücherl des Herrn Doktors - und eine anrührende Reise ins Ich.

Das kann sich nur einer leisten, der absoluten Kultstatus genießt: Mit "Staffabruck" taucht der bayrische Songpoet Georg Ringsgwandl seine ergebenen Fans in grausame lyrische Wechselbäder. Eiskalt erwischt es den Hörer bei Plattheiten aus den Kinderjahren des Künstlers ("Winter"), heiß wird es bei der lakonischen Außenseiterballade im Geiste von Bob Dylans "John Wesley Harding" (über den Räuber und Volkshelden Kneißl). Textqualität also: 1-10. Musikalisch sind die Schubladenlieder aus zwei Jahrzenten eine Offenbarung - die ganze Erfahrung, die Ringsgwandl mit seiner Rockband auf den Konzertbühnen sammelte, ist hier verdichtet auf Akustikgitarre und kompromißlose Dialektstimme. Ein Glücksfall für jeden, der kein Bayrisch versteht.

Ringsgwandl hat der Pop-Welt schon einige skurille Kostbarkeiten geschenkt. Dabei war und ist er sowohl musikalisch (vom Chanson über Rock bis zum Landler) als auch textlich (von eher platten Karrikaturen der Mountain-Bike-Gesellschaft über kitschige, aber funktionierende Liebeslieder bis hin zu bissigen, treffenden Satiren) gar nicht so einfach einzuordnen. Sowohl auf seinen CDs als auch live spielt er gerne den Clown - aber einer, der eigentlich alles sein möchte, bloß kein fröhlicher, berechenbarer Clown.

'Staffabruck' unterscheidet sich stark von diesen früheren und z.T. auch späteren Platten. Hier ist Ringsgwandl einfach nur leise, persönlich und ehrlich. So manches Mal läuft einem ein Schauer über den Rücken ('Kneisl') oder man hat seine Oma vor Augen, die nicht immer die 'liebe Oma' war. Hier läßt Ringsgwandl den Clown im Schrank, die sonst so witzige Spielerei mit Identitäten unterbleibt, hier wird er direkt. Und das Endergebnis ist eines der schönsten ruhigen deutschen CDs der letzten Jahre.

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